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Es gibt eine Reihe von Einspielungen der 8. Symphonie. Und jeder Dirigent hat eine eigene Vorstellung von der Interpretation? Welche Ansätze verfolgen Sie?Ich folge dem allgemeinen Grundsatz, dass man ein Stück anhand der Partitur und musikwissenschaftlicher Quellen für sich zunächst allein entdecken sollte, bevor man an Vergleiche mit anderen Deutungen geht. Natürlich ist man von Konzerten und Einspielungen der Vergangenheit geprägt. Zurzeit dringe ich jeden Tag immer tiefer in die Materie ein und entdecke viele neue Aspekte. Somit bleibt die Sache bis zur Aufführung ungemein spannend und kann in immer neue Richtungen gelenkt werden, da das Werk doch sehr vielschichtig und vieldeutig ist. Generell kann ich allerdings sagen, dass mir eine Verwirklichung der von Mahler geschriebenen Durchsichtigkeit und Vielfalt der Klangfarben sowie der dynamischen Abstufungen vom dreifachen pianissimo bis zum größten fortissimo vorschwebt. Die schwierigste Aufgabe besteht darin, den musikalischen Charakter der einzelnen Passagen sowie des gesamten Aufbaus zu erfassen und so geschmackvoll den Ausführenden zu vermitteln, dass es weder Über- noch Untertreibungen gibt. Es wird sich zeigen, ob die heutzutage knapp bemessene Probenzeit dazu reicht, in diese Dimensionen vorzudringen. Aus diesem Grunde werde ich persönlich mit den Solisten und Chören sehr intensiv vorarbeiten, damit ich mich in den Hauptproben in diesen Dingen auf das Orchester konzentrieren kann.Ein Verständnis der 8. Symphonie verlangt, wie Sie zu Beginn schon andeuteten, auch eine Auseinandersetzung mit dem mittelalterlichen Hymnus „Veni creator spiritus“ und vor allem mit Goethes „Faust“, explizit mit der Schlussszene des 2. Teils. Wo sehen Sie die inhaltlichen und formalen Schnittstellen der beiden so unterschiedlichen Dichtungen, die letztlich auch die Komposition bestimmt haben?Diese Antwort liefert Mahler selbst. Die Durchführung im ersten Satz mit der Textstelle "Accende lumen sensibus ..." ist die Brücke zum zweiten Teil. "Licht den Sinnen und Liebe den Herzen" ist das Credo des ersten Teils, dass im zweiten Teil zur Erlösung führt. Das "ewig Weibliche" bei Goethe und Mahler ist eine Metapher für die alles erlösende Liebe.Die wahre reine Liebe hatte im romantischen Sinn eine ganz besondere Bedeutung und wurde stark von der körperlichen Liebe getrennt gesehen. Das "Veni" Thema des ersten Satzes erscheint an der "Accende" Stelle in einer Umkehrung und bildet gleichzeitig das grundlegende Thema für den zweiten Teil, womit die Äußerung Mahlers auch musikalisch belegt wäre.Eine sehr hypothetische Frage: Was würden Sie Gustav Mahler, es sei denn, Sie träfen ihn jetzt, fragen wollen?Es wurde in den Charakterisierungen von Zeitzeugen über ihn immer wieder erwähnt, dass er kompromisslos seine Kunst verfolgte. Wir kennen das alte Problem mit dem persönlichen künstlerischen Anspruch und der häufig konträr laufenden tiefen Sehnsucht nach Erfolg sowie dem realen Druck finanzieller Zwänge, das Goethe so wunderbar im „Vorspiel auf dem Theater“ in Faust I diskutiert hat. Wir wissen auch, dass Mahler sehr um Erfolg beim damaligen Publikum rang. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass er wie schon bei der Namensgebung des Werkes Kompromisse eingehen musste, was nun bitte nichts Negatives beinhalten soll. Schon der allgewaltige kompromisslose Beethoven schrieb mehrere Versuche einer Fidelio-Ouverture, bis er beim Wiener Publikum Erfolg hatte. Wagner baute nachträglich Ballettszenen in seine Opern ein, damit sie in Paris gespielt werden konnten. Die 8. Symphonie von Mahler ragt deutlich aus seiner zukunftsweisenden, für den damaligen Konzertbesucher gewöhnungsbedürftigen Entwicklung heraus und war so sein größter Publikumserfolg. Ich würde ihn also in einer stillen Stunde fragen, welche Kompromisse er wirklich mit sich ausmachen musste und was er sonst anders gemacht hätte?

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Heinz Walter Florin

Dirigent Komponist Piano-Solo





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